Reisetagebuch Antarktis – Teil 4

9 Mrz

Nach rund zwei Wochen betritt das Team antarktisches Festland und Yadegar Asisi erlebt seinen Schlüsselmoment der Reise. Ein Abschlussbericht von Philipp Katzer.

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Das Schiff stampft nicht mehr. Seit uns die Antarktis umgibt, ist der Ozean ganz still geworden. So weit, dass es sich fast anfühlt wie in meinem Zimmer zu Hause, wenn ich unter Deck ein Buch lese. Die Aura der Eiswelt liegt wie ein sanfter Schleier über uns. Ich spüre, wie alle ein bisschen runterkommen nach den Turbulenzen der Überfahrt. Wir waren noch gar nicht lange hier, da war Yadegar Asisi klar: ja, ich mache ein Antarktis-Panorama. Er arbeitet längst an der ersten Skizze. Schicht für Schicht entsteht auf dem iPad sein Bild vom ewigen Eis.

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Fast zwei Wochen und über 2.500 Seemeilen auf dem Südatlantik liegen hinter uns, als wir Donnerstag gegen 7 Uhr den Höhepunkt unserer Reise anpeilen: Paradise Bay, die Paradiesbucht.
Ein grandios schöner Naturhafen auf dem Antarktischen Festland, der seinen Namen vor hundert Jahren wohl von norwegischen Walfängern erhielt. Sie mussten bestimmt nicht lange überlegen, um den Namen zu finden. Bei strahlend blauem Himmel klettern wir die Gangway seitlich am Schiff herab, steigen ins Schlauchboot. Vier Männer, vier Kameras, und das Versprechen auf einen einzigartigen Ort.

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Das Schlauchboot tuckert geschmeidig durch die Paradiesbucht. Asisi und Mathias an der Spitze, Richard und ich im Heck. Die Kameras glühen. Dann stellen wir den Motor ab, lassen uns treiben. Die Stille schickt mich sofort in einen anderen Modus. Alle Sinnesorgane scheinen verrückt zu spielen: als wenn die Augen auch hören, als wenn die Ohren auch riechen könnten. Irgendwo hinter uns kracht ein Gletscher.

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Die Paradiesbucht hat alles, was wir uns von der Antarktis erhofft haben. Überall Eisberge, große und kleine, die türkisblau unter die Wasseroberfläche leuchten. Brutale Gletscher mit Spalten und Höhlen, wie sie so nur von der Natur geformt werden können. Massive Bergketten, schwarz und majestätisch, deren Kuppen im Nebel verschwinden. Und als wenn diese Szenerie nicht schon genug wäre, sieht man sie gleich doppelt: Als Spiegelbild im Meereswasser. Plötzlich geht der Motor wieder an. Ich wache auf, wie aus einem tiefen Traum.

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Am Nachmittag passiert das Schiff den Lemaire-Kanal. Die gefährlichste Stelle der Reise. Links und rechts nur ein paar Meter bis zum Ufer, aus dem Wasser ragen spitze Eisberge. Yadegar Asisi und Mathias Thiel stehen ganz oben an Deck und fotografieren, jeder zu einer Seite.

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Während ich sie beobachte, denke ich: zum ersten Mal auf dieser Antarktisexpedition ist das Wetter extrem lebensfeindlich. Bitterkalt, weil von vorn der Polarwind drückt. Und über uns hängt tiefschwarzer Nebel. Ich friere trotz der zwölf Schichten Klamotten, die ich trage, trotz der teuren Funktionskleidung. An Deck halte ich es immer nur ein paar Minuten am Stück aus. Die beiden anderen verharren hier oben über Stunden.

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Und dann, ganz am Ende, kurz bevor das Schiff umdreht zurück Richtung Südamerika, erlebt Yadegar Asisi den wichtigsten Moment der Reise. Wir haben mit einem Schlauchboot an einer kleinen Insel angelegt. Nur ein paar Steine, die aus dem Wasser gucken, ganz nah an einer Gletscherwand. Asisi sitzt auf einem Stein, zeichnet in ein Skizzenbuch. „So nah wie hier bin ich ihr noch nicht gekommen“, sagt er. „Nur ich und das Eis, von Angesicht zu Angesicht.“ Er klappt das Buch zu. „Erst jetzt verstehe ich, welche Kraft die Antarktis hat.“

Wir können nach Hause fahren.

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