Reisetagebuch Antarktis – Teil 1

5 Feb

Yadegar Asisi ist mit seinem Team auf Recherchereise in die Antarktis aufgebrochen. Philipp Katzer macht die filmische Begleitung und liefert erste Eindrücke vom Trip ans Ende der Welt.

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Eine Welle klatscht von außen gegen das Bullauge meiner Kabine, als ich Yadegar Asisi eine Scheibe Ingwer abschneide. Ich muss dreimal ansetzen, weil das Schiff erst nach vorne, dann plötzlich schräg zur Seite schwankt. Acht Meter hohe Wellen, Windstärke sieben – seit Stunden spielt der Ozean da draußen verrückt.
Asisi legt sich den Ingwer unter die Zunge. Das soll gegen Seekrankheit helfen, sagen sie an Bord. Er macht einen Schritt zur Seite, mit der Stirn berührt er die Fensterscheibe des Bullauges. „Wenn man diese wahnsinnige Masse von Meer um sich herum sieht“, sagt er, „da bekommt man es mit der Angst zu tun“.

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Wir sind auf dem Weg zum sechsten Kontinent – der Antarktis. Fast drei Wochen fahren wir an Bord der MS Hanseatic durch raue See in Richtung Südpol. Vorbei an den Falklandinseln, Süd-Georgien zum antarktischen Festland. Das letzte großräumig intakte Ökosystem der Erde, Yadegar Asisi will es endlich mit eigenen Augen sehen. Vielleicht inspiriert ihn das ewige Eis zu einem neuen Panorama.

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Asisi hat Creative Director Mathias Thiel mitgenommen. Und uns, das Filmteam: Kameramann Richard Klemm und mich. Wir erzählen die Entdeckungsreise von Yadegar Asisi in die Antarktis in bewegten Bildern. Der Film könnte später als Teil der Ausstellung zum Panorama zu sehen sein.

Unser Trip beginnt fünf Tage zuvor in Ushuaia, Argentinien. Die südlichste Stadt der Erde liegt wahrhaftig am „fin del mundo“, am Ende der Welt. Wer hier ein Schiff Richtung Süden besteigt, der hat Abenteuerliches vor. Bis zum antarktischen Kontinent sind es noch 1000 Kilometer.

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Yadegar Asisi steht auf dem Sonnendeck der Hanseatic, als wir kurz nach 22 Uhr den Hafen von Ushuaia verlassen. Er blickt auf die mächtige Bergkette im Rücken der Stadt. Hinter den schneebedeckten Gipfeln geht die Sonne unter. So nah am Südpol sind die Tage lang und die Nächte kurz. In Südamerika ist gerade Sommer: zum Glück! Die Temperaturen in der Antarktis fallen jetzt nur auf -30 °C. Im Winter kann es bis auf -90 °C runtergehen. Nirgends auf der Erde ist es so kalt wie in der Antarktis. Während Ushuaia am Horizont verschwindet, stoßen wir mit Champagner auf unser Abenteuer an.

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Am nächsten Morgen lehnen Asisi und ich an der Reling. Um uns herum nur noch offenes Meer. In der Nacht haben wir den Beagle-Kanal passiert, der südamerikanische Kontinent existiert nur noch in unserer Erinnerung. Der Himmel: eine Glasscheibe, die von oben jemand mit hellblauer Farbe bemalt hat. Keine Wolke. Nur Wind und Wasser.

„Denken Sie schon an Ihr Bild, Herr Asisi?“

„Ich kann noch nicht sagen, ob aus den Eindrücken von dieser Reise wirklich ein Panorama wird.“

„Haben Sie sich auf die Antarktis vorbereitet?“

„Meine Vorbereitung sieht eigentlich immer so aus, dass ich mich gar nicht vorbereite. Ich bin keiner, der vorher viel liest oder sich Filme anguckt. Ich will so unvoreingenommen wie möglich da rein gehen. Jetzt komme ich mir wie ein Kind vor, dass zum ersten Mal die Augen öffnet.“

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Zwei Tage später: Um kurz nach sechs Uhr morgens steigt Yadegar Asisi in seine Stiefel. Mathias Thiel zieht neben mir den Reißverschluss an seinem Anorak bis oben zu. Wir legen Schwimmwesten an, dann geht es über eine Leiter in ein Schlauchboot.
Das Meer liegt ruhig in der Morgensonne, als wir ungefähr 500 Kilometer vor der Küste von Südamerika das erste Mal von Bord gehen. Motor an, Spritzwasser im Gesicht. Fünf Minuten später klettern wir aus dem Boot und betreten fremdes Land – die Falklandinseln.

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Ich bin überrascht: Der Strand, an dem wir auf Carcass Island anlegen, könnte mit dem türkisblauen Wasser und dem feinen Sand auch in der Karibik sein. Im Hintergrund sehe ich sanfte Berge, wie ich sie aus Schottland oder Island kenne. Dazu begrüßt uns gleich am Strand ein Felsenpinguin. Eine wilde Mischung!

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Die Falklandinseln, die neben zwei größeren aus mehr als 400 kleineren Inseln bestehen, gehören zu Großbritannien. Doch so richtig britisch, so sagt man uns, fühlen sich die Menschen auf den Falklandinseln erst seit dem Krieg gegen die Argentinier Anfang der 1980er Jahre. Am Nachmittag trinken wir in einem Pub am Hafen von Stanley ein Pale Ale, ein typisch britisches Bier.

Später fährt uns das Schlauchboot zurück aufs Schiff. Wir sind beeindruckt, was wir schon alles entdeckt haben. Die Reise hat ja gerade erst angefangen. „Wenn das so weitergeht, könnte es was werden mit dem Panorama“, sagt Asisi. Von der Antarktis sind wir noch mehrere Seetage entfernt.

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