Dinosaurier der Massenmedien

3 Jan

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Das Wort „Panorama“ kennt jeder. Aber viele haben ein Panorama in seiner ursprünglichen Form noch nicht kennengelernt. Experte Stephan Oettermann erklärt, was es damit auf sich hat.

Eigentlich sind Panoramen ein längst vergangenes Phänomen. Im 19. Jahrhundert gab es die ersten Bilder dieser Art. Ihre Geschichte ist nicht in wenigen Zeilen zusammenfassbar. Dr. Stefan Oettermann ist Verfasser des Standardwerks „Panorama – Die Geschichte eines Massenmediums“.

Stephan, bitte erkläre uns in wenigen Worten, was ein Panorama ist.

Das ist einfach… Und doch nicht, weil heute Jedermann unter dem Wort „Panorama“ etwas anderes versteht, aber nicht das, für was dieses Kunst-Wort als terminus technicus – vergleichbar den Worten Television oder Automobil – geprägt wurde. Das Panorama war eine technische Erfindung, die 1787 patentiert wurde, ein Erfindung, die sich in der Rückschau als die Keimzelle der modernen Medien darstellt. Das Panorama besteht aus drei Elementen: Erstens das Bild, das „Riesenrundgemälde“. Es ist ein sehr großes, höchst realistisches 360-Grad-, Rundum-Gemälde, das eine genau zu verortende (nicht erfundene) Landschaft zu einem bestimmten nach Datum und Uhrzeit angebbaren Augenblick darstellt. Als Bild der Natur nimmt das Panorama in gewisser Weise malerisch das vorweg, was die ein halbes Jahrhundert später erfundene Fotografie „auf Knopfdruck“ und ohne „Kunst“ leisten wird.

3 Elemente machen ein Panorama aus

Zweitens gehört zum Bild untrennbar das deshalb ebenfalls „Panorama“ genannte Ausstellungsgebäude, meist eine Rotunde. Erst mittels dieser Rotunde ist es möglich, das Panoramabild nahtlos aufzuhängen, und es durch Oberlichter mit Tageslicht zu beleuchten (denn die technischen Möglichkeiten einer künstlichen Beleuchtung wurden erst etwa 100 Jahre nach der Erfindung des Panoramas entwickelt). Erst die besondere Konstruktion des Panorama-Gebäudes macht es möglich, dass der Betrachter, quasi unter dem geschlossenen Bild „durchtauchend“, die Betrachterplattform im Zentrum erreicht. Diese besondere Kombination von Gebäude und Gemälde bildet die „Maschinerie“, die den Panorama-Effekt erst möglich macht: Die Augen des von der hellen Straße eintretenden Betrachters adaptieren sich in dem dunklen Zugangs-Tunnel auf das im Innern der Rotunde herrschende gedämpftere Licht, das ausschließlich vom Gemälde ausgeht. Da das Panorama in jeder Richtung rahmenlos ist, kann der Blick auch nirgendwo über den Rahmen hinaus schweifen und die Malerei mit der Wirklichkeit vergleichen, oder die künstliche, kunstreiche Beleuchtung mit dem „natürlichen“ Licht. Der Effekt ist – selbst für modern „abgebrühte“ Augen – wirklich überraschend: Nach einigen Minuten der Eingewöhnung fühlt man sich tatsächlich wie „durch Zauberhand“, „wie im Fluge“ oder „Traum“ an den dargestellten Ort versetzt. Und hält die Illusion für Wirklichkeit.

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Das Kassenhäuschen, rechts im Bild, ist ein wichtiges Bestimmungsstück des Panoramas (1801).

Das vielleicht wichtigste, aber immer vergessene dritte Bestimmungsstück des Panoramas ist das „Kassenhäuschen“. Das Panorama ist die erste visuelle Kunstform überhaupt, die jedermann, ohne Ansehen der Person, gegen ein Eintrittsgeld zugänglich war. Das Panorama ist die erste Kunstform, die ausschließlich für ein Publikum produziert wurde. Es ist die erste durch und durch „demokratische“ Kunstform. Schloßherren bauen sich eine Privatkapelle – ein „Privat-Panorama“ hat es aber nie gegeben.

Worin besteht der Unterschied zwischen den heutigen Panoramen und denen aus dem 19. Jahrhundert?

Was das Panorama-Bild betrifft, so kann man heute wieder, wie im 19. Jahrhundert, eine Art „Panorama-Manie“ feststellen. Gerade Fotopanoramen sind geradezu inflationär. Doch viele dieser heutigen „Panoramisten“, fast möchte ich sagen die meisten, machen es sich zu leicht. Sie knipsen mit ihren voll-elektronischen Kameras einmal rundrum und lassen die Einzelaufnahmen dann mittels Computerprogramm zusammen“stitchen“. Ich bin der Meinung, das ist keine „Kunst“ und extrem langweilig. Worauf es immer und überall ankommt ist der Standpunkt. Damit ist nicht nur der Ort gemeint, von dem aus man die Aufnahme macht, sondern vor allem die innere Haltung des Panoramisten.

Auf den Standpunkt kommt es an

Nachdem sich fast ein Jahrhundert lang niemand mehr für die „Dinosaurier der Massenmedien“ interessiert hat, läßt sich heute wieder verstärktes Interesse am Panorama als Groß-Kunstform beobachten. Wo sich historische Panoramen erhalten haben, bemüht man sich um deren Restaurierung und Neuaufstellung. Es werden auch wieder neue Großpanoramen gefertigt, in Australien, Holland, auf Norfolk-Island (einer kleinen Südsee-Insel), in China.

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Besucher auf der Panoramaplattform (Aquarellierte Zeichnung von C.G.H. Geißler, um 1815. Stadtgeschichtliches Museum Leipzig).

Was nun den Unterschied zwischen früheren und heutigen Panoramen betrifft, so kann ich nur über die Panoramen von Yadegar Asisi sprechen. Was die jeweilige Idee und künstlerische Erarbeitung betrifft, so unterscheidet sich Asisi nicht wesentlich von Robert Barker, dem britischen Erfinder vor 220 Jahren: perfekte perspektivische Konstruktion und Zeichnung sind Kern- und Ausgangspunkt. Die Unterschiede beginnen bei der Ausarbeitung des Bildes, hier kommen nicht mehr nur die Pinsel im herkömmlichen Sinne zum Einsatz,  sondern auch Fotografie, 3D-Modellage, Bildbearbeitungsprogramme und leistungsstärkste Rechner. Aber es bleibt ein malerischer Prozess, eine Komposition.

Asisis Panoramen sind hoch und schlank

Der große Unterschied zu den historischen Panoramen besteht vor allem in den Maßverhältnissen. Früher war die Panoramen „weit“ und „breit“. Asisis Erfindung  und Weiterentwicklung ist es, die Panoramen „hoch“ und „schlank“ zu machen. Seine Panoramen sind etwa doppelt so hoch wie alle historischen Rundgemälde, seine Betrachterplattformen sind echte Türme, wodurch einerseits ein ganz besonders frappierender Effekt entsteht, andererseits jede illusionistische Trickserei (wie etwa plastisch gestaltete faux terrains) überflüssig werden.

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Schnitt durch das Panorama „ROM 312“ von Yadegar Asisi, 2005 (Visualisierung © asisi).

Warum funktionieren Panoramen noch heute?

Bei seiner Erfindung war das Panorama eine Maschinerie, mit der und in der der Bürger sozusagen das Sehen lernte. Inzwischen sind 200 Jahre vergangen und zahlreiche Innovationen sind zu verzeichnen, die unseren Blick weiter verändert, geschärft und überformt haben: Die Fotografie, der Film, das Fernsehen, das digitale Bild… Wir haben den panoramatischen Blick, der vor 200 Jahren regelrechte „See/Seh-Krankheit“ verursachte, längst gelernt und internalisiert. Anders als von den „schnelleren“, manchmal rasanten Bildmedien von heute, wird unser Sehen im Panorama nicht überwältigt, sondern im Gegenteil unser Blick wird „entschleunigt“ und wir können wieder selbstbesimmt sehen und auf visuelle Entdeckungsreisen gehen. Das wird von den meisten Besuchern, bewußt oder unbewußt, als wohltuend und „wunderbar“ empfunden. 

Vielen Dank für das Interview.

Bild zu Beginn des Beitrags: Elemente des Panoramas: Das 360-Grad-Gemälde sowie die Ausstellungsrotunde mit Oberlicht, Betrachterplattform und Zugangstunnel (Aquarellierte Zeichnung von Robert Fulton, 1799. Institut National de la Propriété Industrielle, Paris).

 

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