Aus den Wirren der Völkerschlacht – Ein Bericht vom Fotoshooting am 21. April

24 Apr

 

Uniformierte_statistenzuschauer_panometer_foto_tom_schulze__asisi_web

Am Samstag, den 21. April fotografierte Yadegar Asisi im Kleinen Gasometer die wichtigsten Massenszenen für sein Panorama „LEIPZIG 1813 – In den Wirren der Völkerschlacht. Unter den 100 historisch kostümierten Darstellern, waren etwa 70 Mitglieder von Historienvereinen aus Leipzig und Umgebung, die ihre eigenen, teils in jahrelanger Arbeit zusammengestellten Uniformen mitbrachten. Die restlichen Teilnehmer waren Gewinner unserer Mitmachaktion oder Freunde und Bekannte, die wir mit ausgeliehenen Uniformen und Zivilkostümen einkleideten. Mit dabei war auch der freie Journalist Philipp Katzer, von dem der nachfolgende Erfahrungsbericht stammt.

Ich liege mit dem Gesicht im kalten Sand. Feine, spitze Steine drücken gegen meine Stirn, bohren sich in meine Augenlider. Ich schmecke den Rauch in meinem Rachen, rieche den Schweiß – ich bin nicht tot. Ich kann jetzt auch den Krawall hören, ein dumpfes Grollen, das über mir wabert, ganz in der Nähe zischt ein Feuer. Plötzlich ist da eine Hand, fast zärtlich. Eine Frau dreht mich zur Seite und tupft mir mit einem Tuch die Stirn: „Sie sind fort. Die Franzosen sind fort.“ Ich spüre, wie das Leben zurückkehrt in meinen Körper – und ich weiß, ich bin drin…

Ich bin eine von hunderten Geschichten, die Yadegar Asisi mit seinem neuen Panorama „LEIPZIG 1813“ erzählt: Auf dem Weg durch die Stadt werde ich von flüchtenden Soldaten der Grande Armée niedergetrampelt und verliere mein Bewusstsein. Und es ist genau jener Moment auf dem kalten Boden des kleinen Leipziger Gasometers, der mich das Geheimnis von Asisis Arbeit erahnen lässt: Jedes Detail an seinen Bildern ist glaubwürdig, jede noch so unscheinbare Anekdote ist echt, muss echt sein, damit das Gesamtkunstwerk gelingt. Deshalb ist dieses Fotoshooting ein solch grandioses Spektakel – mit all den originalgetreuen Kostümen, scharfen Waffen und lebendigen Tieren gleicht es einer riesigen Kinofilmproduktion.

Yadegar-asisi-fotografiert_

Yadegar Asisi fotografiert vom 15 Meter hohen Umgang des Kleinen Gasometers die Szenen (Foto Tom Schulze © asisi)

 …schmerzverzehrte, rote Gesichter überall. Die Meute drückt durch die engen Gassen, panische Schreie hinter mir, eine Marketenderin ist gestürzt. Ich versuche, mich nach ihr umzusehen und verfehle um ein Haar das Bajonett eines französischen Grenadiers. Was für ein Chaos, was für ein ekelhafter Moloch. Ich falle über den Kadaver eines Pferdes und liege wieder im Sand, mir stockt der Atem…

Die Atmosphäre während der Szenen ist rau. Immer wieder werden wir angepeitscht, noch grimmiger zu gucken: „Seht scheiße aus!“ ruft einer, kurz müssen einige lachen. Asisi will uns leiden sehen, der Krieg darf auf keinen Fall romantisch verbrämt werden. Für ihn steht nicht die eigentliche Schlacht, nicht das Gemetzel im Vordergrund, es geht um die Tragödie dahinter, um Leipzig und seine Bewohner. Das ist die Geschichte des neuen Panoramas: Wie eine Stadt – seine Stadt, denn Asisi ist selbst in Leipzig aufgewachsen – auf den grausamen Terror reagiert, den die flüchtenden Soldaten vom Schlachtfeld ins Zentrum tragen.

Gedrangter-heerhaufen-2_fot

Gedränge – jetzt noch im Kleinen Gasometer und später in den Straßen Leipzigs (Foto Tom Schulze © asisi)

 …zwei Männer schleppen mich ins Lazarett. Ich erkenne sie nicht, kann sie nur riechen. Mein Hut nimmt mir die Sicht, durch einen kleinen Spalt fällt mein Blick auf ausgemergelte Körper. Menschenhaufen, letzte Zuckungen. Der blutige Verband an meinem Bein fällt ab, dann wird wieder alles schwarz…

Nach fünf Stunden brauche ich eine Pause. Nichts ist hier gestellt, auch meine Rückenschmerzen nicht. Ich lehne mich mit einem heißen Tee gegen die Wand des Gasometers und beobachte Yadegar Asisi, wie er das Szenario von einem Umgang des Gasometers aus gut 15 Metern Höhe fotografiert. Oder manchmal eben auch nicht fotografiert, wenn ihm eine Stimmung nicht gefällt: Weil die Darstellung nicht genug Kraft hat; weil das Licht nicht optimal ist; weil die Perspektive nicht stimmt. Asisi scheint alles schon im Kopf zu haben, nichts passiert zufällig: Wenn die Darsteller in kleinen Gruppen aneinander vorbeidrängeln, sieht Asisi links und rechts von ihnen schon die Häuserwände. Er weiß genau, was er will. Als hätte er jeden Quadratzentimeter des riesigen Panoramas schon vor seinem inneren Auge – er muss das Bild jetzt nur noch am Computer zusammensetzen. Vor diesem Shooting hatte ich angenommen, die Kunst von Yadegar Asisi entstehe vor allem am Computer. Und nun diese ganzen Menschen hier. Diese Energie, diese Hingabe, diese Kraft!

Am Ende versammeln sich die kostümierten Massen um den Künstler: „Wenn das echte Licht kommt im Oktober werden wir viele dieser Szenen noch einmal machen.“ Ich werde dann wieder dabei sein, in den Wirren der Völkerschlacht.

Yadegar-asisi_briefing-dars

Yadegar Asisi bedankt sich bei allen Beteiligten – rechts im Mittelgrund mit grauem Mantel und schwarzem Dreisptiz unser Autor (Foto Tom Schulze © asisi)

Yadegar-asisi_panometer-gew

Fürs Gruppenfoto ist Lächeln erwünscht: Yadegar Asisi mit den Gewinnern unserer Mitmachaktion (Foto Tom Schulze © asisi)

Bild zu Beginn des Beitrags: Mit seinem offenen Dach und dem 360°-Umgang auf 15 Metern Höhe erweist sich der Kleine Gasometer als idealer Ort für Panorama-Fotoshootings (Foto Tom Schulze © asisi)

Hinterlasse einen Kommentar